von Anja, Vertrauensfrau

Ich bin bei Ver.di und habe eine ganze Reihe Gründe dafür. In unserem Betrieb und auf dem Amazon-Blog begegne ich auch Menschen, die meine Ansichten nicht teilen. Nun frage ich mich:

Bin ich

  • dumm, weil ich mich wehren will anstatt den Arbeitsplatz zu wechseln?

  • feige, weil ich mich Leuten anschließe, (deren Meinung bei der Geschäftsleitung nicht gerade populär ist), um gemeinsam meine Vorstellungen zu verwirklichen?

  • undankbar, weil mich Bonus, Feiern und Aktienpaket nicht beeindrucken?

  • gierig, weil ich mehr Gehalt, Weihnachts* und Urlaubsgeld verlange?

  • anmaßend, weil ich einen Tarifvertrag fordere, damit wir „kleinen Arbeiter“ auf Augenhöhe mit den Herren Cossman und Co. diesen aushandeln?

  • unrealistisch, weil ich denke, dass wir deutschlandweit mit rund 15.000 Amazon*Beschäftigen enorm viel erreichen können?

  • faul, weil ich bereit bin, mich streikend vors Tor zu stellen, während die nicht streikenden Kollegen drinnen meine Arbeit übernehmen sollen?

  • unverantwortlich, weil unser großer Boss in Amerika sich aus diesen Gründen entschließen könnte, den Standort Deutschland zu schließen, um nach Polen zu gehen? Auch dort werden die Mitarbeiter nicht auf Dauer Stundenlöhne von 4 Euro hinnehmen, denn gerade in Polen werden Gewerkschaft und Solidarität großgeschrieben.

  • naiv, weil ich fest daran glaube, dass faire Arbeitsbedingungen auch bei Amazon möglich sind?

  • Resistenz gegen alle Argumente

    Ich habe auch mehr als einmal erlebt, dass mich Kollegen attackierten und sich darüber beschwerten, dass wir uns nicht zufrieden geben, mit dem was wir haben.
    Es wird geäußert, wir würden nur dem hinterher rennen, was ver.di uns vorgibt und wir seien geblendet. ICH muss mir so etwas anhören - ausgerechnet ICH, der den Arsch in der Hose hat, auch mal einen Manager zu kritisieren, zu Themen, die nun rein gar nichts mit ver.di zu tun haben.
    Amazon könnte in Deutschland dicht machen?
    Wirtschaftlich und rechtlich erkläre und erkläre ich, dass das gar nicht so einfach ginge, aber man hört gar nicht mehr zu.
    "Wenn wir alle auf der Straße sitzen.....!" höre ich. Ich selbst habe schon so viele Arbeitgeber gehabt und so oft gezittert und habe mich durch Zeiten der Arbeitslosigkeit gequält und ich werde auch nicht jünger - wenn jemand dankbar für einen Job ist, dann ICH. Aber muss ich nun nun auch so dankbar für den Job sein, dass ich mich in allen Rechten beschneiden lasse, die unsere Eltern und Großeltern für uns erstritten und erstreikt haben? Ganz sicher nicht. Wenn ich das Erbe nicht weiterführe, haben meine ungeborenen Kinder mal nichts zu lachen und werden zu Sklaven der Industrie, weit schlimmer als es heute schon bei den Zeitarbeitsfirmen abläuft.
    Wir - also die ver.dianer - blicken viel weiter nach vorne, als man uns zugesteht. Man muss sich doch nur die verkorksten Strukturen AUSSERHALB von seinem kleinen Amazonleben mal ansehen. Fachkräftemangel, Fachkräftemangel, Fachkräftemangel - Jahrelang hört und liest man es. Ein Unwort! Bei uns stehen die Fachkräfte an den Packtischen und machen den Müll weg. Ja, wie soll ich denn bitte meinen Kindern mal erklären, warum eine Lehre sinnvoll ist?

    Das hat mir nicht ver.di, sondern das wahre Leben in den Kopf gepflanzt.

    Kommentar von: Osterhase - 29.08.2014, 13:05
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