Auf dem heutigen Arbeitsmarkt ist es wichtig sich flexibel zu zeigen. Das heißt, dass man sich den Gegebenheiten am Arbeitsmarkt anpassen muss.


Mitarbeiter müssen flexibel sein

Das Unternehmen Amazon wirbt mit Flexibilität auf seiner Seite: „Eigeninitiative und Flexibilität werden bei uns ganz groß geschrieben: Wir erwarten von Ihnen, dass Sie sich Veränderungen schnell anpassen […].“ (Quelle: http://amazon-operations.de/). Diesem Leitspruch entsprechend gestaltet sich der Arbeitsalltag im Lager. Doch ein sich ständig wandelndes Arbeitsumfeld ist auch immer mit viel Stress verbunden, welcher sich entsprechend negativ auf die Gesundheit auswirkt und auch im Umgang der Vorgesetzten zum Mitarbeiter bemerkbar macht

Flexibilität kann natürlich auch etwas Schönes sein und sich auf neue Situationen einzustellen auch etwas Gutes. Aber im Übermaß eben auch schädlich. Oftmals wird auf der Fläche etwas verändert, das Lager ist einem ständigen Wandel unterlegen. Eine Sache wird geändert, später wieder verändert, nur um es anschließend in seinen Ursprungszustand zurückzuführen. Hier wird viel Geld für unnötige Veränderungen ausgegeben, die wenig bis gar keinen Effekt erzielen.


Arbeiten im Schichtsystem

Mit der Arbeit im Schichtsystem ist darüber hinaus für Viele das an Höchstmaß Flexibilität erreicht. Denn ein Schichtsystem verlangt üblicherweise, dass man seine Tagesplanung entsprechend anpasst. Dazu gehören auch solch triviale Dinge wie Schlaf- und Speisegewohnheiten. Aber auch die Zeit mit der Familie muss dementsprechend eingerichtet werden. Bei einer guten Auftragslage fallen auch oft Überstunden an und die eigene Freizeit wird mitunter weiter eingeschränkt.

Dies sind alles Dinge die von heutigen, modernen Arbeitgebern als selbstverständlich erachtet werden. Darüber hinaus soll diese Flexibilität weiter strapaziert werden. So beginnt im Einzelhandel eine Schicht ab ca. 7 Uhr und endet abends 22 Uhr, im Versandhandel bei Amazon wird von 6:30 bis 23:30 Uhr in den regulären Schichtsystemen gearbeitet. Erwähnt sei hier noch, dass es auch regelmäßige Nachtschichten in Bad Hersfeld und Leipzig gibt.

Auch was die Wochentage, an denen man arbeitet betrifft, wird die eigene Flexibilität weiter auf die Probe gestellt. Für den einfachen Level 1 Arbeiter gelten in unterschiedlichen Abteilungen, unterschiedliche Regelungen. Die meisten müssen zwei Mal im Monat zur Samstagsarbeit (je einmal Früh- und Spätschicht), aber auch solche, die jeden Samstag zur Schicht antreten müssen. Davon zwei Mal im Monat zur Spätschicht. Ein vernünftiges Wochenende bleibt diesen Kollegen leider verwehrt. Das letztgenannte Schichtmodell ist die neueste Errungenschaft und fand erstmals in diesem Jahr seine Anwendung.

Eine noch verschärftere Variante des letztgenannten Modells steht zu befürchten. Haben die Arbeiter, die jeden Samstag zur Schicht erscheinen müssen Sonntag und Montag zur Erholung, also zwei Tage infolge, so sieht es mit dem neuen Modell anders aus. Geplant ist, dass die Mitarbeiter auch jeden Samstag arbeiten müssen, aber eben nicht den Montag frei bekommen, sondern einen anderen Wochentag, so dass eben nicht zwei Tage am Stück frei sind. Für Menschen, die schon des Wochenendes beraubt werden, muss das wie Hohn klingen. Hier will Amazon sehen wie weit sich seine Mitarbeiter verbiegen lassen.

Frei wählen können Mitarbeiter ihr Schichtmodell leider nicht. Das Schichtmodell mit vier zu arbeitenden Samstagen wurde jenen Mitarbeitern angeboten, welche vor einer festen Übernahme ins Unternehmen standen oder andererseits arbeitslos geworden wären.


Amazon ist flexibel bei der Bezahlung

Bei der Bezahlung gibt sich der weltweit größte Versandhändler hingegen flexibel. Denn eine einheitliche Bezahlung in seinem Deutschland Netzwerk gibt es nicht.

Zulagen, beispielsweise für die Spätschicht, werden bei Amazon von Standort zu Standort unterschiedlich gehandhabt. Gibt es in Bad Hersfeld eine Spätschichtzulage ab 20 Uhr, so gibt es diese für Leipzig und andere Standorte nicht. Eine einheitliche Regelung wird, wie so oft, abgelehnt.

Durch das Performance Related Payment (PRP) hält sich der Internetriese eine Option offen Gehaltszahlungen zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Dabei werden verschiedene Punkte im Produktionsablauf bewertet und je nach Note gibt es einen Prozent Zuschlag oder auch nicht. Transparent oder verständlich ist dieses System nicht. Damit man die entsprechend gute Bewertung für Produktivität erreicht, müssen mehr als 100% Performance erbracht werden.

Als Amazon in den Jahren 2013 und 2014 Lohnerhöhungen versprach, wurde das PRP entsprechend niedrig gestaltet. Das bedeutet, dass beispielsweise der Monatslohn für den Monat November 2014 um ca. 100€ niedriger ausfiel als im Vergleich zum Vorjahr.

Auf diese Weise kann man zwar Lohnerhöhungen für die Angestellten ankündigen und öffentlichkeitswirksam nach außen hin tragen, jedoch bleibt den Amazon Mitarbeitern unterm Strich davon nichts.


Crissy

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  • Erste Frage: An welchem Standort wurde dieses bescheuerte Schichtmodell eingeführt und wieviel hat der Betriebsrat kassiert, der dies abgesegnet hat?

    Kommentar von: TheRealRuhrpott - 19.12.2014, 18:41
  • Das Schichtmodell gibt es in Leipzig für die meisten Weihnachtsaushilfen 2013 vom Outbound.

    Kommentar von: Low_Performer - 19.12.2014, 20:42
  • Das kann ich ja noch irgendwie verstehen... bei uns gibt's im Q4 auch einen veränderten Schichtplan mit weniger freien Samstagen im Peak, aber das ist eine begrenzte Phase. (Außerdem eine permanente Spätschicht fürs Q4 auf freiwilliger Basis mit dauerhafter Samstagmittelschicht, dafür ist der Ausgleichstag aber auch immer der Montag - die Plätze in der permanenten Spätschicht sind ausgebucht.)

    Aber im Text klingt das bei euch nach einem dauerhaften Schichtmodell, das nicht mit dem neuen Jahr ausläuft. Und die Konstellation "Schichtmodell annehmen oder keine Vertragsverlängerung" klingt auch sehr mies.

    Kommentar von: TheRealRuhrpott - 19.12.2014, 22:46
  • Dieser Schichttyp von dem ich geschrieben habe ist permanent und am Standort Leipzig eingeführt. Die Mehrheit des Betriebsrates hat dem wohl zugestimmt, soweit ich weiß, da sie unter Druck gesetzt worden waren. Die Geschäftsleitung soll denen wohl gedroht haben, dass sie diesem Typen zustimmen, andernfalls würden keine Weihnachtsaushilfen übernommen.

    Auch hier haben die Weihnachtsaushilfen einen eigenen Schichtplan, inklusive 6-Tage-Woche. Dies habe ich im Text aber ersteinmal unerwähnt gelassen.

    Kommentar von: Crissy - 20.12.2014, 12:50
  • Sonntagsarbeit

    http://www.hr-online.de/website/rubriken/nachrichten/indexhessen34938.jsp?rubrik=36094&key=standard_document_53905385

    war eigentlich klar, oder?
    Was ist an den anderen Standorten außer Bad Hersfeld und Leipzig? Wurde bei euch Sonntagsarbeit von den Behörden genehmigt, trotz Streik?

    Kommentar von: Batmann - 20.12.2014, 13:38
  • Dieser Schichttyp

    @Crissy,
    das ist genau die elende perfide Art die Amazon unter betrieblicher Mitbestimmung versteht. Manchmal kann der Betriebsrat nur das kleiner Übel wählen - leider. Dafür gibt es andererseits Möglichkeiten den Arbeitgeber im Sinne der erzwingbaren Mitbestimmung notfalls auch über Einigungsstellen dazu bewegen familienfreundliche Arbeitszeitmodelle einzuführen

    Kommentar von: Batmann - 20.12.2014, 15:08
  • Meines Wissens (bitte nicht drauf festnageln!) wurde in Rheinberg überhaupt keine Sonntagsarbeit angefragt.

    Kommentar von: TheRealRuhrpott - 20.12.2014, 21:37
  • Trotzdem... hat schon seinen Grund, wieso der Leipziger BR als einer der schlechtesten nach Pforzheim gehandelt wird.

    Kommentar von: TheRealRuhrpott - 20.12.2014, 21:41
  • Übrigens... der Q4-Schichtplan von Rheinberg sieht so aus:

    Garantierte Fünf-Tage-Woche, dafür zwei Wochen lang neun Stunden täglich (inklusive Spätschichtzulage ab 20 Uhr während dieser Phase und erhöhtem Überstundenzuschlag während des gesamten Peaks), mit zwei Wochen zusätzlich "auf Abruf", die aber nicht in Anspruch genommen wurden. Heiligabend und Sylvester hat die Spätschicht jeweils frei, die halbe Schicht bezahlt Amazon, die andere wird vom Überstundenkonto abgezogen. In den Grundzügen hatten wir dasselbe schon letztes Jahr.

    Die erwähnte permanente Spätschicht war einer der Wünsche des Arbeitgebers, es gab aber mehr als genügend Freiwillige, häufig mit Begründungen wie "Ich schlafe gerne länger", "Ich gehe in der Weihnachtszeit lieber Montags als Samstags shoppen" oder "Wenn um 15 Uhr Feierabend ist und ich erst um 16 Uhr zu Hause bin, wird es eh schon dunkel, da habe ich auch nichts mehr vom Tag".

    Ist alles in allem meines Wissens das zweite Jahr in Folge der beste Schichtplan aller FCs.

    Kommentar von: TheRealRuhrpott - 20.12.2014, 21:50
  • Zweitschlechtester Betriebsrat? Wo hast du das denn her?

    Allerdings stimmt es schon, das man bei den Schichtplänen meines Erachtens besser hätte verhandeln können. Ich hoffe natürlich, dass sich im kommenden Jahr da noch etwas tun wird.

    Kommentar von: Crissy - 20.12.2014, 22:29
  • Sonntagsarbeit

    inzwischen ist wohl durchgesickert, dass Amazon gegen den Antrag des Arbeitsverbots am Sonntag erfolgreich Widerspruch eingelegt hat. Trotz dürfte die Sache wohl auf dem üblichen rechtlichen Weg noch weitere Folgen haben. In dem Fall geht es aber um die Stellung der Landesregierungen und ihrer zuständigen Behörde.
    Der BR hat in Hersfeld freiwilliger Sonntagsarbeit zugestimmt. Die Gründe liegen in der Zuschlagshöhe von 75%. Wenn er nicht zugestimmt hätte wären viele viele Arbeitnehmer auf die Barikaden gegangen.
    Alle anderen Überstunden sind ebenfalls freiwillig.

    Kommentar von: Batmann - 21.12.2014, 07:18
  • Mitbestimmung erleben

    noch eine Frage. An welchen Standorten wird zu allen möglichen Gelegenheiten auf die Standortsicherung hingewiesen? Es ist sicher klar was ich meine.......

    Kommentar von: Batmann - 21.12.2014, 07:23
  • Betriebsräte

    schlecht oder nicht schlecht macht sich vermutlich an den Taten der jeweiligen Arbeitnehmervertretungen fest. Dazu muss man auch feststellen wer die Akteure sind und aus welchem Lager sie kommen. Letztendlich hat der Wähler entschieden. Gerade für Betriebsräte bei denen Arbeitgebertreue Mitglieder die Mehrheit haben, dürfte klar sein welche Interessen vertreten werden. Die im Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes sind es dann vermutlich nicht immer. Man glaubt machmal auch dass mit vertrauensvoller Zusammenarbeit "Kuscheln" mit dem Arbeitgeber gemeint ist ;-)

    schönen vierten Advent wünsche ich Euch

    Kommentar von: Batmann - 21.12.2014, 07:32
  • am Sonntag den 14.12. wurde in Leipzig gearbeitet. Doch waren die Saisonkräfte vom Betriebsrat ausgeschlossen. Die wurden auf den 21. vertröstet obwohl da schon fest stand das an diesem Sonntag nicht gearbeitet wird. Der Leipziger BR scheint nicht die Interessen der billigen Saisonkräfte zu vertreten. Ein klares Wort währe entweder alle oder keiner.

    Kommentar von: die Saisonkraft - 21.12.2014, 10:28
  • Wir haben in Koblenz das gleiche Schichtmodell wie in Rheinberg.
    Möchte nur mal erwähnen, bei uns gibt es außerhalb der Q4 KEINE Spätzulage. Wenn ich Kollegen erzähle, wie es in anderen Standorten aussieht, werden die Gesichter ganz schön lang.

    Kommentar von: Justine - 22.12.2014, 02:49
  • Schichtmodell

    womit wir wieder beim Tarifvertrag wären ;-)

    Kommentar von: Batmann - 22.12.2014, 16:06
  • Ramp Down in Rheinberg hat begonnen.

    Laut den Kollegen, die gearbeitet haben, fand im Outbound ein großer Kahlschlag statt. Generell gab es kaum Entfristungen, fast nur Verlängerungen bis Ende Januar oder Ende Juni, und die Kollegen aus dem Inbound, die eine Verlängerung bekommen haben, müssen in den Outbound wechseln.

    Ein Kollege fasste es zynisch so zusammen: "Diejenigen, die sich das Jahr über verausgabt haben, müssen gehen, während diejenigen, aus denen noch etwas herauszuholen ist, jetzt deren Arbeit machen müssen."

    Derzeit hoffe ich, dass die Kollegen in Polen nach dem mit Sicherheit auch dort statt findenden Ramp Down erkennen, wie Amazon mit Menschen umgeht.

    Kommentar von: TheRealRuhrpott - 23.12.2014, 18:29
  • Ca. 30% aller Arbeitnehmer arbeiten in Schichten

    Auch andere Berufe wie Gesundheits- und Pflegesektor (Altenpflege, Ärzte, Krankenschwestern), Polizei oder auch Flughafenpersonal arbeitet im Schichtbetrieb, auch Sonntags und Feiertags. Und viele Arbeitnehmer arbeiten im Dreischichtsystem in der rollenden Woche: das bedeutet, das 7 Tage am Stück gearbeitet werden und erst dann zwei freie Tage kommen. Das "normale Wochenende", das in diesem Artikel stilisiert wird, ohne das man sich "verbiegen müsse", hat nichts mit der Arbeitsrealität zu tun.

    Kommentar von: Gluecksbaerchi - 24.01.2016, 08:20
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