Amazon verweigert Tarifverhandlungen

ver.di fordert Tarifbindung für Amazon Pforzheim

Amazon Pforzheim sieht „derzeit keinen Anlass“, über den von ver.di geforderten Anerkennungstarifvertrag zu den Tarifverträgen des badewürttembergischen Einzel- und Versandhandels Verhandlungen zu führen. Amazon-Geschäftsführer Alexander Bruggner verweist in seiner Antwort auf ein entsprechendes Forderungsschreiben der Gewerkschaft darauf, bei Amazon Pforzheim GmbH handele es sich „um ein Logistikzentrum“, „nicht aber um ein Unternehmen des Einzelhandels“.

Das ist kein gutes Argument, findet ver.di: Die Tarifverträge, die wir bei Amazon durchsetzen wollen, gelten für sämtliche Betriebe, Zweigniederlassungen und Filialen des Einzelhandels und des Versandhandels. Amazon ist völlig zweifelsfrei ein Versandhandelsunternehmen – Logistikdienstleistungen für andere Unternehmen spielen allenfalls eine geringfügige Rolle. Deshalb sind die Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels eindeutig einschlägig.

ver.di will für ihre Mitglieder den Schutz des Tarifvertrages durchsetzen. Denn Amazon lässt zu deutlich schlechteren Löhnen länger arbeiten als seine Konkurrenten in der Versandhandelsbranche.

Wenn Amazon Tarifverhandlungen verweigert, wird es unweigerlich auch in Pforzheim zu Streiks kommen müssen!

Amazon verweigert Tarifverhandlungen

Die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen bei Amazon liegen deutlich unter den Tarifsätzen der Versandhandelsbranche: Während im Einzel- und Versandhandel die wöchentliche Arbeitszeit 37,5 Stunden beträgt, wird bei Amazon 38,75 Stunden gearbeitet.

Amazon zahlt – weitgehend ohne Differenzierung zwischen verschiedenen Tätigkeiten – Stundenlöhne von 9,85 € im 1. Jahr der Beschäftigung, im 2. Jahr 11,89 €, danach 12,23 €. Nach dem derzeitigen Flächentarifvertrag werden vergleichbare Tätigkeiten im Versandlager mit Stundenlöhnen von 11,51 € bis 13,69 € vergütet.

Im Einzel- und Versandhandel gibt es ein tarifliches Urlaubsgeld von derzeit 1.211,50 €, außerdem eine tarifliche Sonderzahlung in Höhe von 62,5% des Monatsentgelts. Bei Amazon?

Streik bei Amazon

Seit April 2013 kommt es in bisher sechs der acht Versandstandorte des größten deutschen Versandhändlers Amazon immer wieder zu Arbeitsniederlegungen. Amazon verweigert jegliche Tarifbindung und behauptet immer wieder, man orientiere sich an den Tarifen der Logistikbranche. Doch von tarifvertraglichen Standards ist das Unternehmen weit entfernt, was man unter anderem daran sieht, dass kein Urlaubsgeld und nur ein verschwindend geringes, sogenanntes Weihnachtsgeld bezahlt werden.

Beschäftigte bei Amazon klagen zudem immer wieder über Leistungshetze, akribische Überwachung am Arbeitsplatz und Feedback-Gespräche, in denen sie etwa wegen angeblicher Inaktivität von zum Teil nur einer Minute unter Druck gesetzt werden. Die Arbeitsbedingungen führen zu hohen Krankenquoten von bis zu 20 Prozent.

ver.di soll draußen bleiben

Amazon versucht unter Berufung auf sein Eigentumsrecht, die betrieblichen Aktivitäten der Gewerkschaft ver.di einzuschränken. Herr Brugger teilte uns mit, wir müssten unsere „Mitgliederwerbemaßnahmen und sonstigen Aktivitäten auf unserem Betriebsgelände auf das gesetzliche Maß von einer Maßnahme pro Halbjahr“ begrenzen. Für 2015 seien „keine weiteren Maßnahmen auf unserem Betriebsgelände zulässig“. Herr Brugger verkennt jedoch die Rechtslage. Das deutsche Grundgesetz (Art. 9 Abs. 3 GG) schützt das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren und das Recht der gewerkschaftlichen Betätigung. Infostände und Verteilaktionen auf einem allgemein zugänglichen Parkplatz, bei denen weder Betriebsabläufe gestört, noch ein unverhältnismäßiger Kontrollaufwand verursacht werden, kann Herr Brugger nicht untersagen – auch wenn die Fläche zum Betriebsgelände gehört. ver.di wird sich gewerkschaftliche Rechte nicht einschränken lassen. Das Streikrecht schon gar nicht!

Der Betriebsrat und die Vertrauensfrage

In der Belegschaft wurden Unterschriften mit der Forderung nach Abwahl des Betriebsrats gesammelt. Begründung: Misstrauen, keine Transparenz, Interessen der MA werden nicht verfolgt, Pro-Arbeitgeber-Haltung.

In letzter Zeit wurden wir vermehrt zum Thema Betriebsrat/ Unterschriften/ Vertrauensfrage angesprochen. Verschiedentlich wurde uns vorgeworfen, wir würden den „ Schulterschluss“ mit dem Betriebsrat suchen und die Kollegen, die den derzeitigen Betriebsrat kritisch sehen, im Regen stehen lassen.

Auf der Betriebsversammlung haben wir die Unterschriftenaktion angespro- chen und erklärt, dass es ein legitimes und demokratisches Recht ist, eine Aussprache mit dem Betriebsrat zu fordern. Wir haben auch den Betriebsrat mehr- fach dazu aufgefordert, sich der auch aus unserer Sicht berechtigten Kritik zu stellen und eine außerordentliche Betriebsversammlung einzuberufen– verknüpft mit der Vertrauensfrage.

Der Betriebsrat sollte bedenken: Für die Arbeit und den Erfolg des Betriebsrates ist es von entscheidender Bedeutung, ob er von der Belegschaft unterstützt und getragen wird. Nur ein Betriebsrat, dem die Belegschaft vertraut und dem die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen den Rücken stärkt, kann erfolgreicher Interessenvertreter sein.

Leider zeigt die Unterschriftenaktion ein anderes Bild: Ein erheblicher Teil der Beschäftigten kritisiert die Arbeit des Betriebsrates und fordert eine Aussprache. Bedauerlich ist auch, dass ein Teil des Betriebsrats das überhaupt nicht so sieht und sämtliche Kritik als unbegründet zurückweist.

Wir sind der Meinung, sich der Kritik zu stellen und sie ernst zu nehmen, kann auch eine Chance sein, bestehende Unzufriedenheit der Belegschaft auszuräumen. Hier sollte der Betriebsrat seine Rolle als Arbeitnehmervertreter ernst nehmen!

Als Gewerkschaft können wir den Betriebsrat nicht dazu zwingen, eine außerordentliche Betriebsversammlung zu diesem Thema einzuberufen. Das könnt nur Ihr - die Beschäftigten!

Hierzu ist das Betriebsverfassungsgesetz (§ 43 Abs.3) mehr als eindeutig! Die auch uns vorliegenden Unterschriften zeigen, dass diese Voraussetzungen hierzu eigentlich erfüllt sind!

Wenn die Betriebsratsmehrheit meint, die Mehrzahl der Beschäftigten würde hinter dem Betriebsrat, seinen Entscheidungen und seiner Arbeitsweise stehen, dann braucht er doch vor der Aussprache und Vertrauensfrage keine Angst zu haben ... oder?

Noch ein paar Sätze zum „Schulterschluss“ mit dem Betriebsrat:

ver.di hat dem Amazon-Betriebsrat von Anfang an Zusammenarbeit und Unterstützung angeboten. Wir halten diese Zusammenarbeit zwischen betrieblicher Interessenvertretung und Gewerkschaft für unerlässlich und für eigentlich selbstverständlich. Aber:

Ist Euch aufgefallen, dass der Betriebsrat bei der Betriebsversammlung nicht wollte, dass ver.di mit dem BR an einem Tisch sitzt?

Warum darf ver.di auf der Betriebsversammlung nur 15 min. sprechen?

Warum findet Ihr keine ver.di Themen am Betriebsratsbrett?

Warum erklärt der BR immer wieder, so viel erreicht zu haben – ohne ver.di?

Warum unterstützen einzelne Mitglieder des BR Euch nicht bei der Forderung nach einem Tarifvertrag?

Ist das der sogenannte „Schulterschluss“?!

Gemeinsam sind wir stark!
Deshalb: Eintreten! Damit wir stärker werden!

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(C) 2014 ver.di - Fachbereich Handelzuletzt aktualisiert: 29.11.2018