Logistik oder Handel

In welche Branche ist Amazon einzuordnen?

Sind die „Fullfilment Center“ (FC) des „weltweit größten Online-Händlers“ Amazon der Logistikbranche oder dem Handel zuzuordnen?

Die Geschäftsleitung (GL) von Amazon meint hierzu:

„In den Amazon-Logistikzentren, die als rechtlich eigenständige Unternehmen tätig sind, wird keine Ware verkauft, es werden keine Kunden beraten, sondern Ware vereinnahmt, eingelagert, entnommen und versandt. Dies sind Logistiktätigkeiten, und diese führen die Mitarbeiter nicht nur für Amazon, sondern auch für Einzelhändler, die unsere Plattform nutzen, aus. Damit stehen die Amazon-Logistikzentren im Wettbewerb mit anderen Unternehmen, die Logistikdienstleitungen anbieten.“
(Quelle: http://www.amazon-logistikblog.de/fakten/, 31.05.2014)

Wir meinen...

Die „Logistikzentren“ von Amazon in Deutschland sind auf den ersten Blick zwar juristisch gesehen eigenständige Unternehmen, allerdings handelt es sich um 100%-ige Tochterunternehmen der Amazon EU s.á.rl. welche organisatorisch komplett in die Abläufe des Handelskonzerns Amazon eingebettet sind und in nahezu allen Bereichen (z. B. Personalplanung, Budgetierung, Implementierung von Prozessen) von den Entscheidungen der Muttergesellschaft abhängig sind. Die Amazon EU s.á.r.l. kann gegenwärtig nicht ohne die Logistikzentren existieren und umgekehrt. Die Amazon EU s.á.r.l. ist eindeutig ein Unternehmen des Versandhandels. Die Kolleginnen und Kollegen werden laut Arbeitsvertrag mit der Bezeichnung „Versandmitarbeiter“ eingestellt und führen Tätigkeiten in der logistischen Kette des Online-Handels und zwar ausschließlich für die Muttergesellschaft Amazon EU s.á.r.l. aus. Der Zweck der Amazon-Logistikzentren ist demnach nicht eine logistische Abwicklung schlechthin, wie etwa bei DHL, Hermes und Co, sondern darauf ausgerichtet, Waren für den Handelskonzern Amazon zu lagern, zum Verkauf an Endkunden bereitzustellen und für die Auslieferung durch externe Transportdienstleister zu verpacken und zu verladen. Die üblicherweise als Logistikdienstleister bezeichneten Unternehmen stellen demnach keine Konkurrenz für die Amazon-Lager dar, sondern sind in der Produktionskette nach gelagert. Verkaufsplattform, Wareneinkauf und Logistikzentrum bilden somit bei Amazon eine untrennbare Einheit, welche nicht mit Logistikdienstleistern, sondern mit anderen Händlern konkurriert. Würde man der Argumentation der Amazon-Geschäftsleitung folgen, so müsste jeder Einzelhändler und nahezu jeder andere Betrieb der Logistikbranche zugerechnet werden, da praktisch jede Tätigkeit bei der Waren oder Materialien eingelagert, bewegt, sortiert und verpackt werden als „Logistiktätigkeit“ bezeichnet werden kann. Die Geschäftsleitung macht es sich hier zu Nutze, dass der Begriff „Logistiktätigkeit“ nicht eindeutig definiert werden kann.

Es wird impliziert, dass nur solche Betriebe zum Handel gehören, welche direkt Waren verkaufen und Kunden beraten. Der Tarifvertrag z. B. für den Einzelhandel Hessen, welcher Versandhändler einschließt, umfasst allerdings auch „Logistiktätigkeiten“, wie Kommissionieren, Verpacken und andere Lagertätigkeiten. Der Geltungsbereich ist explizit auch für Hilfs- und Nebenbetriebe des Handels definiert. Die Aufzählung der Tätigkeiten der Geschäftsleitung ist darüber hinaus nicht vollständig. In den „Fulfillment Centern“ werden ebenfalls retournierte Waren zurückgenommen, Ware für den Katalog fotografiert und Kundenanfragen für den Kundenservice beantwortet. Alle Prozesse sind darauf ausgerichtet, Kunden des Versandhandels zu bedienen und nicht etwa die Nachfrage nach Logistikdienstleistungen.

Wenn von der Logistikbranche die Rede ist, meint man gemeinhin das private Transport- und Verkehrsgewerbe, welches in erster Linie den Kraft- und Transportverkehr, aber auch Speditionen und Kontraktlogistik umfasst. Da die Lager von Amazon offensichtlich keine Unternehmen des Verkehrsgewerbes und auch keine Speditionen sind, käme hier nur der Bereich der Kontraktlogistik in Betracht. Wie oben beschrieben, betreiben die einzelnen Lager jedoch nicht Logistik zum Selbstzweck, sondern sind direkt eingebettet in den Bestellprozess der Amazon EU s.á.r.l. Die einzelnen GmbHs werden nicht nach Aufträgen bezahlt, sondern bekommen nach der Kostenaufschlagmethode ein Budget von der Muttergesellschaft zur Verfügung gestellt. Einsparungen werden in der Regel im Rahmen eines Gewinnabführungsvertrages an die Muttergesellschaft abgeführt. Somit können die einzelnen Lager, anders als übliche Kontraktlogistiker, keine realen Gewinne erzielen. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass wir es hier nicht mit einem eigenständigen Logistikunternehmen, welches mit den anderen Logistikern konkurriert, zu tun haben.

Wirft man einen Blick in die Statistische Systematik der Wirtschaftszweige in der Europäischen Gemeinschaft, und schaut sich die Definitionen der Branchen Lagerei und Logistik auf der einen und von Handel auf der anderen Seite an, so wird man die Amazon Lager in dieser Systematik eher dem Handel zurechnen müssen.

Die Defintion für die Branche Verkehr und Lagerei lautet:

„Dieser Abschnitt umfasst die Personen- und Güterbeförderung im Linien- oder Gelegenheitsverkehr auf Schienen, in Rohrfernleitungen, auf der Straße, zu Wasser und in der Luft sowie damit verbundene Tätigkeiten wie Betrieb von Bahnhöfen, Häfen und Flughäfen, Parkplätzen und Parkhäusern sowie Frachtumschlag, Lagerei usw. Eingeschlossen sind die Vermietung von Fahrzeugen mit Fahrer oder Bedienungspersonal sowie Post- und Kurierdienste.


Die Defintion von Handel lautet:

„Dieser Abschnitt umfasst den Groß- und Einzelhandel (d. h. Verkauf ohne Weiterverarbeitung) mit jeder Art von Waren und die Erbringung von Dienstleistungen beim Verkauf von Handelswaren. Groß- und Einzelhandel sind die letzten Glieder in der Absatzkette für Handelswaren. Auch in diesem Abschnitt enthalten sind die Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen.

Verkauf ohne Weiterverarbeitung umfasst die im Handel übliche Behandlung (bzw. Manipulation) wie Sortieren, Klassieren und Zusammenstellen von Waren, Mischen von Waren (zum Beispiel Mischen von Sand), Abfüllen in Flaschen (mit oder ohne vorherige Flaschenspülung), Abpacken, Auspacken und Umpacken zur Verteilung in kleineren Mengen, Lagerung (auch gefroren oder gekühlt).

[…]

Einzelhandel umfasst den Wiederverkauf (Verkauf ohne Weiterverarbeitung) von Neu- und Gebrauchtwaren vor allem an private Haushalte für den privaten Ge- oder Verbrauch, in Verkaufsräumen, Warenhäusern, an Ständen, durch Versandhäuser, Straßenhändler und Haustürverkauf, Verbrauchergenossenschaften, Auktionshäuser usw. Die Einzelhändler erwerben zumeist das Eigentum an den von ihnen gehandelten Waren, zum Teil sind sie aber auch als Handelsvertreter für einen Auftraggeber tätig und verkaufen auf Konsignations- oder auf Kommissionsbasis.

(Quelle: http://ec.europa.eu/eurostat/ramon/nomenclatures/index.cfm?TargetUrl=LST_NOM_DTL, 31.05.2014)



Während sich die Amazonlager in der Branchendefintion von Verkehr und Lagerei allenfalls in dem hier nicht näher definierten Begriff Lagerei finden könnten wird in der Definition von Handel explizit die Erbringung von Dienstleistungen beim Verkauf von Handelswaren erwähnt. Weiter sind die hierunter fallenden Tätigkeiten - Sortieren, Klassieren und Zusammenstellen von Waren, Abpacken, Auspacken und Umpacken – genannt, welche von der Amazon Geschäftsleitung jedoch als „Logistiktätigkeiten“ beschrieben werden. Darüber hinaus geht aus dieser Defintion auch klar hervor, dass Versandhäuser zum Einzelhandel zu zählen sind. Unter Lagerei versteht man gemeinhin eher Lager im Bereich der Produktion jedoch nicht im Bereich des Handels (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Lagerei, 31.05.2014).

Vor Beginn der Tarifauseinandersetzung wurde die Bezeichnung Logistikzentrum in den einzelnen Betrieben seitens der Geschäftsführung nicht erwähnt. Im Gegenteil sprach man auf Betriebsversammlungen in sogenannten „Success-Stroies“ immer stolz davon, dass man der größte und erfolgreichste Online-Versandhändler sei. Auch die Eintragungen bezüglich des Unternehmenszwecks im Handelsregister wurden nachweislich erst nach der Aufforderung der Tarifkommission vom „Einkaufskommissionär“ zum „Logistikdienstleister“ abgeändert. Selbst in den jährlichen Wirtschaftsberichten der einzelnen GmbHs, veröffentlicht im Bundesanzeiger, wird bei der obligatorischen Analyse des wirtschaftlichen Umfeldes die Marktlage des Versandhandels dargestellt und nicht die der Logistikbranche.

Fazit

Die Argumentation der Geschäftsleitung besteht aus der axiomatischen Behauptung, dass es sich bei den Tätigkeiten in den „Fulfillment Centern“ um logistische Tätigkeiten handelt und man deswegen ein Logistikdienstleister sei. Dies wird nicht weiter ausgeführt oder begründet, obwohl es für den Begriff „logistische Tätigkeiten“ keine eindeutige Defintion gibt.

Unsere Argumentation hingegen stützt sich auf eine Untersuchung der tatsächlichen Abhängigkeit der einzelnen Betriebe und eine realistische Verordnung des Konzerns, welcher nur in seiner Gesamtheit betrachtet werden kann, auf dem Konkurrenzmarkt in Deutschland. Sie richtet sich am Zweck der Tätigkeiten aus und bezieht die Definition der statistischen Systematik der Wirtschaftszweige in der Europäischen Gemeinschaft mit ein. Schließlich gibt die Geschäftsführung in ihren eigenen Aussagen, Dokumenten und Veröffentlichungen deutliche Hinweise darauf, zu welcher Branche man sich selbst zuordnet – man sieht sich als „World's greatest Online-Retailer“.

  • Interessanter Kommentar zum Thema in der Huffington Post

    In der Huffington Post vom 23.09.2014 ist ein interessanter Kommentar zum Thema erschienen. In den USA vergleicht die Amazon Geschäftsleitung die Löhne der FC-ArbeiterInnen mit denen der Handelsbranche (Retail):

    http://www.huffingtonpost.com/2014/09/23/amazon-germany-strike_n_5868532.html

    Zitat:
    "That's funny. Because here in America, Amazon doesn't like to compare its warehouse wages to the logistics sector. In fact, the company prefers to compare them to... retail."

    Übersetzung:
    "Das ist komisch (bezogen auf die Behauptung der Amazon GL in Deutschland, dass Amazon ein Logistiker sei). Weil hier in Amerika möchte Amazon die Löhne in den Lagern nicht mit denen der Logistikbranche vergleichen. Tatsächlich vergleicht das Unternehmen diese hier lieber mit... Handel."

    Es werden in dem Artikel diesbezüglich auch entsprechende Zitate der Amazon-GL angeführt.

    Der Unterschied liegt wohl darin, dass in den USA in der Logistikbranche besser bezahlt wird, als im Handel.

    Offensichtlich pickt man sich immer das heraus, was gerade am Besten passt!

    Kommentar von: christian.kraehling - 26.10.2015, 21:57
  • Die Logistik im Handel

    Viele Leute, mit denen ich mich unterhalte, sagen zum Thema Amazon und Handel immer wieder: "Amazon berät ja nicht und somit seien wir ja keine Händler"
    Teilweise stimmt das: Wir sind keine Händler, denn Amazon ist der Händler. Beraten wird bei Amazon auch niemand - genau wie in den meisten Baumärkten.
    Um was es mir aber eigentlich geht ist, dass der Kunde vom Einzelhandel oft eine völlig falsche Vorstellung hat. Der Verkäufer sitzt nicht den ganzen Tag am Verkaufstresen und sprintet los, wenn ein Kunde den Laden betritt. Tatsächlich steckt in jedem Laden auch eine logistische Tätigkeit. Die Ware wird angenommen, registriert, eingelagert im Hauptlager und immer wieder ins Verkaufslager (Verkaufsraum/-regale) nachgeschoben. Das machen keine kleinen Wichtel oder ein beauftragtes Logistikunternehmen, sondern die Verkäufer - eben genau dann, wenn man sie nicht sieht. Und diese Tätigkeit macht etwa 70-80% des Jobs aus. Das Beratungsgespräch und der eigentliche Verkauf ist der geringere Anteil.

    Letztlich ist im Laden exakt der gleiche Fall vorzufinden, wie bei Amazon:
    Ein Kunde will einen Artikel, den er sich angesehen hat (Laden-Regal/Amazon-Online) und der Verkäufer geht ins Lager und holt ihn. Der Kunde bezahlt bei Amazon per Bankeinzug oder Kreditkarte - geht im Laden auch.
    Wenn bei diesem Vorgang der Kunde im Laden keine Beratung wollte, dann ist der Verkäufer plötzlich Logistiker???? Nein, sicher nicht.

    Kommentar von: JensB - 27.10.2015, 13:09
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