Tarifinfo 3/2015

Dezember 2015

Tarifvertrag – warum?

Den Geburtstag von Amazon Pforzheim im September hatten wir zum Anlass genommen, erstmalig auch in Pforzheim zu streiken. Unserer Forderung nach einem Anerkennungstarifvertrag des Einzel- und Versandhandels haben wir damit Nachdruck verliehen.

Trotzdem weigert sich der Konzern beharrlich, mit ver.di zu sprechen. Begründung: Amazon bezahle „am oberen Ende dessen, was für vergleichbare Tätigkeiten üblich ist“. Außerdem gehöre man nicht zum Einzel- und Versandhandel. Das steht aber im krassen Gegensatz zu dem, was Amazon selbst aussagt und in den Medien propagiert: „Wir sind der größte Einzel- und Versandhändler der Welt!“

Unser Ziel ist der Abschluss eines Tarifvertrages, denn nur dieser garantiert regelmäßige Lohnerhöhungen, Weihnachts- und Urlaubsgeld, entsprechende Zuschläge, mehr Urlaubstage und eine Begrenzung der Befristungen auf ein vernünftiges Maß. Für unsere gute Leistung haben wir das Recht verdient, bei unseren Arbeitsbedingungen mitzubestimmen. Wir wollen keine Almosen und stellen auch keine übertriebenen Forderungen.

Wir halten es aber für nicht akzeptabel, dass die Geschäftsleitung völlig willkürlich und ohne jeden Einfluss der Beschäftigten darüber entscheidet, ob, wann und wie viel Lohnerhöhung sie uns zugesteht.

In einem Tarifvertrag lassen sich kollektivrechtlich und verbindlich all jene Punkte regeln, die nicht durch den Betriebsrat mitbestimmt werden können – allen voran die Lohnhöhe.

Eine regelmäßige Anpassung der Löhne ist wichtig, weil die Verbraucherpreise in den letzten 10-20 Jahren für jeden spürbar deutlich angestiegen sind. Wenn die Preise steigen und der Lohn stagniert, spricht man von einem sog. Reallohnverlust.

In den Jahren von 2006-2010 mussten die Kolleginnen und Kollegen in den deutschen Amazon-Betrieben einen Reallohnverlust von 7,5 % hinnehmen.

Beschäftigte im Geltungsbereich eines ausgehandelten Tarifvertrages hingegen hatten in derselben Zeit eine Reallohnsteigerung (siehe Abbildung).

Warum ist unser Reallohn gesunken?

Unser Reallohn ist nicht etwa gesunken, weil unsere GL „böse“ wäre und uns das Geld nicht gönnt. Die GL hat die Aufgabe, das Unternehmen möglichst kostensparend zu führen, um den erwirtschafteten Überschuss zu maximieren. Dabei rechnet die GL unsere Löhne als Kosten, welche es zu minimieren gilt. Das heißt die GL hat aus der Natur der Sache heraus ein Interesse daran, dass unsere Löhne so gering wie möglich sind. Da in den Jahren, in denen es keine Lohnerhöhungen gab, auch keine organisierten und nachdrücklich formulierten Forderungen seitens der Belegschaft nach Lohnerhöhungen laut wurden, sah sich die GL auch nicht dazu veranlasst, die Löhne zu erhöhen. Warum denn auch die Kosten steigern, wenn es auch so geht? Deswegen ist unser Reallohn während dieser Zeit gesunken.

Regelmäßige Lohnerhöhungen, bei der die Höhe allerdings nicht durch die Beschäftigten mitbestimmt ist, gibt es bei Amazon erst wieder, seitdem wir gewerkschaftlich aktiv sind.

Vergleich: Leistungen Amazon – Tarifvertrag Versandhandel

Tarif – FAQ

Wir sind doch unqualifiziert bzw. ungelernt, d.h. wir sind z. B. keine gelernten Einzel- handelskauffrauen/-männer. Steht uns denn da überhaupt eine Bezahlung nach dem Einzelhandelstarifvertrag zu?

Ja! Im Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel ist nicht nur die Tätigkeit der Kauffrauen/-männer geregelt, sondern es gibt auch Lohngruppen, in denen die Tätigkeiten von Kommissionierer/-innen (Picker), Packer/innen und allgemein Lagerarbeiter/-innen geregelt sind. Generell sind natürlich auch ungelernte Tätigkeiten in Tarifverträgen geregelt.

Können wir uns durch den Tarifvertrag schlechter stellen?

Nein! Im deutschen Arbeitsrecht gilt das Günstigkeitsprinzip, d. h. es darf niemand durch eine Betriebsvereinbarung oder einen Tarifvertrag schlechter gestellt werden. Darüber hinaus ist die Tarifkommission nicht angetreten, um schlechtere Bedingungen auszuhandeln – eine Verschlechterung fände niemals die Zustimmung der Tarifkommission!

Fallen durch den Tarifvertrag der PRP-Bonus und die Aktien weg?

PRP-Bonus und Aktien können durch den Arbeitgeber theoretisch jederzeit einseitig abgeschafft bzw. auf ein Minimum abgesenkt werden. Daher ist es für uns wichtig, ein gutes Grundgehalt durch einen Tarifvertrag abzusichern. Da andere namhafte Unternehmen wie etwa VW jedoch auch tarifliche Leistungen sowie darüber hinaus zusätzliche Prämien zahlen, sehen wir keinen Grund, warum auch bei Amazon nicht beides möglich sein sollte...

  • Danke

    Liebe Gewerkschaft,

    Ich arbeite seit Kurzem als Versandmitarbeiter in Pforzheim und wollte mich auf diesem Wege gerne für all Eure Anstrengungen bedanken. Als "New Hire" mache ich gerade meine Erfahrungen, die ich in einem Blog festhalte (https://www.amazon-experience.info). Ich bin gespannt was die Weihnachtszeit bringen wird...

    Grüße,
    Dani

    Kommentar von: DaniB - 27.10.2018, 21:36
  • Danke

    Liebe Gewerkschaft,

    Ich arbeite seit Kurzem als Versandmitarbeiter in Pforzheim und wollte mich auf diesem Wege gerne für all Eure Anstrengungen bedanken. Als "New Hire" mache ich gerade meine Erfahrungen, die ich in einem Blog festhalte (https://www.amazon-experience.info ). Ich bin gespannt was die Weihnachtszeit bringen wird...

    Grüße,
    Dani

    Kommentar von: DaniB - 27.10.2018, 21:37
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