Propaganda II

Das "All-Hands" von Anfang März

Amazon versucht durch verschiedene Maßnahmen ein absolut positives Selbstbild von sich zu vermitteln. Dabei kommen unterschiedliche Maßnahmen zum Einsatz. Eine immer wiederkehrende Maßnahme ist das sogenannte All-Hands. Das ist eine verpflichtende Veranstaltung für alle Mitarbeiter in einem Amazon-Versandhandelszentrum. All-Hands finden zwei bis viermal pro Jahr statt, je nach Bedarf der Geschäftsleitung. Das letzte All-Hands gab es am 2.3.2016 für die Spätschicht und am 3.3.2016 für die Frühschicht.

Das Datum war nicht zufällig gewählt, sondern eine Reaktion auf die letzte Betriebsversammlung, bei der auch der Gewerkschaftssekretär Thomas Schneider gesprochen hatte. In seiner Rede hatte er Kritik am Unternehmen geäußert. Da er als zweiter Redner, nach der Geschäftsleitung, aufgetreten war, hatte letztere keine Möglichkeit mehr die Kritik zu kontern. Daher wurde kurzerhand das All-Hands einberufen, um das Bild einer heilen Amazon-Welt zu vermitteln.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung wurde eine Video-Botschaft vom Amazon-Europamanagement gezeigt. In diesem Beitrag wurde von europaweiten Rekorden und Wachstum des Unternehmens gesprochen.

Anschließend stellte die Geschäftsleitung eine Grafik vor, die Lohnmodelle angeblich vergleichbarer Branchen zeigten. Darunter befanden sich die Durchschnittsjahresgehälter von Tischlern und Optikern. Nur wenig später stellte man dann Umsatz und Gewinn von Amazon weltweit vor: demzufolge war der Umsatz bei 107 Milliarden USD und der Reingewinn bei über 450 Millionen USD. Auch war sich die Geschäftsleitung nicht zu schade, das Gesamtjahresgehalt der eigenen Mitarbeiter zu beschönigen. Dabei geht sie so vor, dass sie mehrere, vom Lohn unabhängige Leistungen miteinberechnet, so zum Beispiel auch den kostenlosen Kaffee, den man aus den Automaten in der Kantine beziehen kann.

Als weitere Leistung bezieht man die Aktienzuteilung ein. Ein Amazon Mitarbeiter erhält im Jahr eine Aktienzuteilung, die er sich zwei Jahre später auszahlen lassen kann. Die Krux an der Sache ist, dass umso höher die Aktie bei der Zuteilung liegt, desto kleiner sind die zugeteilten Anteile. Fällt der Kurs, dann bleibt von den auszahlbaren Anteilen nur ein kleiner Bruchteil übrig. Das hatte in den letzten Jahren den merkwürdigen Effekt, dass die Aktie an den Börsen kräftig gestiegen war, die Mitarbeiter aber immer weniger ausgezahlt bekamen. Leider sieht sich die Geschäftsleitung außerstande eine feststehende Bonuszahlung zu leisten, mit der die Mitarbeiter rechnen können. Die Aktien, welche die Angestellten bekommen sind die des amerikanischen Mutterkonzerns und nicht die von Amazon Europa. Von den zugeteilten Aktien wird dabei die Hälfte des Wertes versteuert. So bleibt beispielsweise von vier zugeteilten Aktien, nach Abzug der Steuer, nur der Gegenwert von zwei Aktien übrig, die man verkaufen und sich so den Wert auszahlen lassen kann.

Ein weiterer Punkt im All-Hands bezog sich auf die Amazon Connections Fragen. Das sind Fragen, die jeder Mitarbeiter beim Einschalten seines Computers oder Handscanners vorgelegt bekommt. Die Befragung ist nicht anonym, so dass Amazon jederzeit davon Kenntnis hat, wie der einzelne Mitarbeiter antwortet. Die Beantwortung der Fragen erfolgt dabei per Multiple-Choice. Dabei gibt es einen Punkt, welcher erlaubt nicht auf die Frage zu antworten. Mehr als ein Drittel aller Mitarbeiter nutzt diese Antwortmöglichkeit regelmäßig. Mitarbeiter, die allerdings auf die Fragen antworten, können unter Umständen zu einem Telefonat mit Amazon-Connection gerufen werden, bei dem sie weitere Fragen beantworten müssen.

Als die Geschäftsleitung eine grobe Übersicht über die Auswertung der Daten gab, verstrickte sie sich dabei in eklatante Widersprüche. Zum einen wurde behauptet, dass die meisten Mitarbeiter die Fragen positiv bzw. äußerst positiv beantworten würden. Dass ein großer Teil der Angestellten die Fragen gar nicht beantwortet wurde an dieser Stelle noch nicht erwähnt. Dies geschah erst später, als man dazu überging über die Zukunft des Standortes Leipzig zu sprechen. Bei diesem Punkt wurde unter anderem gesagt, dass man die Stimmung im Lager verbessern müsse, weil man bei den Amazon-Connections-Fragen europaweit am schlechtesten abschneiden würde.

Veranstaltungen wie diese zeigen, wie Amazon versucht sich eine eigene Realität zu erschaffen, um dieses Bild in den Köpfen der Mitarbeiter zu platzieren. Dabei werden Fakten ignoriert oder so verdreht, bis sie in das Selbstbild des Unternehmens passen.


Crissy

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(C) 2014 ver.di - Fachbereich Handelzuletzt aktualisiert: 23.12.2016