Am 24.5.2016 sendete der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) einen Beitrag mit dem Titel „Amazon: Wie Mitarbeiter im Rekordtempo Tausende Kundenwünsche erfüllen.“ In diesem Beitrag wird Amazon heftig kritisiert. Dies wiederum gefällt der Geschäftsleitung des Standortes aus Leipzig überhaupt nicht. Dabei wird gleich zu Beginn des Berichtes der Standortleiter Dietmar Jüngling gezeigt, der folgendes sagt: „Bei uns steht als allererstes die Sicherheit und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter, das heißt die Sicherheit und die Gesundheit steht über allen anderen, über allen Punkten.“

Im Folgenden soll untersucht werden, ob diese Aussage der Realität entspricht.

Im Bericht wird erwähnt, dass der Krankenstand zeitweise bis zu 20 Prozent beträgt, also jeder fünfte Mitarbeiter krank ist. Diesem Fakt widerspricht die Geschäftsführung auch nicht, denn klar ist, dass die tägliche Arbeitsbelastung enorm hoch und die Krankenstatistik darauf zurückzuführen ist. Um dem entgegenzusteuern hat Amazon ein Gesundheitsprogramm entwickelt, bei welchem einmal am Tag eine 1-Minütige Übung absolviert werden kann. Vorgeführt wird diese Übung von einem einfachen Versandmitarbeiter. Eine Ausbildung dafür wurde nicht absolviert, lediglich ein mehrstündiger Einführungskurs belegt. Der Nutzen dieser Übung bleibt daher fragwürdig.

Als moderner Arbeitgeber führt Amazon immer wieder Mitarbeiterbefragungen durch und hin und wieder kann man der Geschäftsleitung Fragen stellen und Verbesserungswünsche vorbringen. Dabei kommt die Thematik der hohen Belastung und der anstrengenden Arbeit für ältere Mitarbeiter immer wieder zur Sprache. Die Antworten unterscheiden sich dabei gravierend, wenn keine Kamera oder Vertreter der Presse dabei sind. Dabei gab es unter anderem solche Aussagen wie: Wer zu alt für diesen Job ist, muss sich eben was anderes suchen.

Ende vergangenen Jahres verkündete der Standort von Amazon in Leipzig stolz, eine Investitionssumme von knapp einer Million Euro an Land gezogen zu haben, um dabei eine neue Förderbandanlage zu bauen. Der Einbau dieser Bandanlage brachte es mit sich, dass sich einige Arbeitsabläufe verändert haben. Im Vorfeld wurden die Mitarbeiter darüber informiert und es gab ein paar Infoveranstaltungen dazu. Hierbei wurde auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es durch den veränderten Arbeitsablauf auch notwendig wird neue Mitarbeiter einzustellen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich nämlich, dass der Arbeitsaufwand für den einzelnen Angestellten höher werden würde. Das wurde in dieser Veranstaltung auch angesprochen. Die verantwortlichen Manager waren sich dieser Tatsache durchaus bewusst, waren aber nicht bereit irgendetwas am Arbeitsprozess zu verändern.

Nahezu täglich weisen engagierte Mitarbeiter ihre Vorgesetzten auf einseitige Belastung und monotone Arbeit hin. Sie zeigen auf, dass es ihrer Gesundheit abträglich ist, wenn sie gewisse Tätigkeiten über Stunden und Tage in der immer gleichen Abfolge, im immer gleichen Rhythmus absolvieren müssen. Davon wollen die verantwortlichen Manager aber erst recht nichts wissen und geben dann eine Arbeitsanweisung, dass man genauso zu arbeiten und sich zu bewegen habe. Dagegen zu verstoßen würde in einer Abmahnung münden. Damit wird auch in persönlichen Einzelgesprächen immer wieder gedroht.

Der Gesundheit zuträglich hingegen wären erholsame Pausen. Aber auch hier: Fehlanzeige. Es gibt eine 20-minütige und eine 25-minütige Pause. Um in die Pausenräume zu gelangen benötigt man fünf Minuten, für den Rückweg ebenso. Bleiben also nur 10 bzw. 15 Minuten von der jeweiligen Pause zur eigentlichen Erholung. Dass die Mitarbeiter den Weg zur bzw. von der Pause eilig zurücklegen ist dabei nachvollziehbar, will man doch möglichst viel von der knapp bemessenen Zeit nutzen können. Am Ende bleibt aber durch das ständige hin und her Gehetzte praktisch kein Erholungseffekt von der Pause. Da ist die Wartezeit in der Kantine noch nicht miteinberechnet. Mitarbeiter, die auch nur eine Minute zu früh in die Pause gehen oder zu spät wiederkommen, wird Arbeitszeitbetrug vorgeworfen. Diesen wiederum kann Amazon mit Abmahnung ahnden.

Erstaunlicherweise gibt es sogenannte Health-Manager bei Amazon. Diese sind eigentlich für gesunde Arbeitsbedingungen verantwortlich. Merkwürdig nur, dass diese die Ursachen des hohen Krankenstandes nicht erkennen oder dem entgegenwirken.

All diese Geschehnisse aus dem Arbeitsalltag belegen, dass die Realität, so wie Amazon sie in der Presse und den Medien darstellen will, nicht zutreffend ist. Das Gegenteil ist der Fall und wurde im Beitrag des MDR auch korrekt dargestellt. Die Aussage zu Beginn des Films ist demnach falsch und soll nur über die katastrophalen Zustände in den Versandhandelszentren hinwegtäuschen. Der Beitrag lässt sich in der Mediathek der ARD abrufen.

Hier geht's zum Beitrag: Amazon-Wie mitarbeiter im Rekordtempo tausende Kundenwünsche erfüllen.


Crissy

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