Meinung

Gewerkschaftssekretär Tim Schmidt zum gemeinsamen Kampf um bessere Arbeitsbedingungen

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

"Wer kämpft kann verlieren,wer nicht kämpft, hat schon verloren."

An dieser Aussage hat sich seit Gründung der Gewerkschaften vor etwa 150 Jahren nichts verändert. Noch immer geht es darum, dass die abhängig Beschäftigten sich ihren Teil an dem erarbeiteten Ergebnis erkämpfen müssen. Das gilt sowohl für den öffentlichen Dienst, wie für andere Branchen, wie man anhand der Streikaktionen der Vergangenheit sieht. Denn während Gehalt und Lohn für Arbeitnehmer die Grundlage ihrer Existenz bedeutet, sind Gehalt und Lohn für Arbeitgeber Kosten, die sie möglichst gering halten wollen um ihre Gewinne zu steigern und gegenüber der Konkurrenz einen Kostenvorteil zu haben. Dabei übersehen sie meist, dass durch Lohn und Gehalt erst Kaufkraft entsteht, ohne die die angebotenen Produkte gar nicht verkauft werden könnten. 

In diesem Spannungsfeld zwischen Kaufkraft und Kosten ist der einzelne Arbeitnehmer oft hilflos der Macht der Unternehmer ausgeliefert und hat kaum Möglichkeiten seine Interessen durchzusetzen.

Deshalb gilt nach wie vor: Nur durch gemeinsames, entschlossenes Handeln können Arbeitnehmer ihre Situation verbessern. Das gilt sowohl für das Einkommen, als auch für andere Arbeitsbedingungen wie z.B. Urlaub, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Kündigungsschutz etc.

Auch bei nicht tarifgebundenen Unternehmen wie Amazon wirken Tarifverträge der umliegenden Unternehmen mit ein. Sie ergeben einen Richtwert für die Mindestentlohnung, die gezahlt werden muss, um Arbeitskräfte zu bekommen. Selbst Amazon hält es wohl für unangemessen, wenn nicht sogar für unanständig, noch weniger zu zahlen. Weniger wäre nur möglich, wenn Amazon in einem komplett tariflosen Umfeld sein Geschäft betreiben würde. Denn außer dem gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 8,50 € gibt es keine untere Begrenzung. Den Gewerkschaften sei Dank, dass sie Tarife durchgesetzt haben, die auch für Amazon eine gewisse Orientierung geben.

Die Durchsetzung von Tarifverträgen hängt immer von verschiedenen Faktoren ab. Ganz entscheidend dabei ist immer:

  • die Entschlossenheit der Beschäftigten auch für ihre Interessen einzustehen

  • sich nicht entmutigen lassen, auch wenn sich der Erfolg nicht sofort einstellt

  • Beschäftigte, die noch Abseits stehen, zu begeistern mitzumachen

  • den Kampf für bessere Bedingungen auch im Betrieb weiterführen, in dem man sich die Regel vor Augen hält, dass für eine gerechte Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen immer gekämpft wird, nicht nur an Streiktagen.

Hierbei hat die z.B. die koordinierende Funktion der Mitgliederversammlung, sowie der Vertrauensleute eine entscheidende Bedeutung. Kolleginnen und Kollegen müssen sich aufeinander verlassen können. Nur Einigkeit im Auftreten nach innen und nach außen schafft letztendlich auch Überzeugung. Jede unberechtigte Kritik an der Sache schadet dem Ziel. Jeder muss erkennen, dass die Gewerkschaft auch für ihn kämpft. „Reih Dich ein“ muss die Losung sein.

Probleme bespricht man mit seinen Leuten und nicht in Anwesenheit Andersdenkender, die nur darauf warten, dass wir uns gegenseitige Vorwürfe machen und uns mit uns selbst beschäftigen.

Ratgeber von außen schaden oft mehr als sie nützen. Parolen wie „Die Gewerkschaft macht zu wenig!" helfen nicht weiter, denn die Gewerkschaft bin ich selbst, sind wir alle. Jede gewerkschaftliche Aktion muss gut überlegt sein, um nicht ins Leere zu laufen. Rechtsfragen müssen geklärt werden, um die Streikenden zu schützen.
Wenn Gewerkschaften von etwas Ahnung haben, dann doch von Arbeitskämpfen, von Streiks und Durchsetzungsstrategien. Gute Beispiele dafür sind die letzten Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst oder in der Metall- und Elektroindustrie. Die vorausgegangenen Arbeitskämpfe überzeugten durch Geschlossenheit der Gewerkschaftsmitglieder. Die Kolleginnen und Kollegen wussten, sie konnten sich im Ernstfall aufeinander verlassen.

Wichtig ist weiterhin auch, sich nicht ständig zu erklären, was alles nicht geht. Viel entscheidender ist doch festzustellen, was alles bereits erreicht wurde. Wenn auch noch kein Tarifabschluss sichtbar ist, so sind doch Verbesserungen der Arbeitsbedingungen festzustellen, die ohne die Gewerkschaft, also ohne die Entschlossenheit vieler Kolleginnen und Kollegen nicht erreicht worden wären. Erinnern wir uns doch mal alle zurück an die Anfangszeiten z.B. im Rheinberger Amazon-Versandzentrum in den Jahren 2011 und 2012. Unter welchen schlechten Bedingungen mussten die Beschäftigten damals teilweise arbeiten? 10 Std-Tage, 13 Tage durcharbeiten, einen Tag frei und wieder 13 Tage, "einfrieren" der Schichten in der Weihnachtszeit (6 Wochen Spätschicht am Stück) und und und...

Mittlerweile wurden an vielen Standorten ein funktionierender Betriebsrat installiert, der sich im Betrieb um die Rechte der Beschäftigten kümmert. Es gibt einen Vertrauensleutekreis, der gemeinsam mit der Gewerkschaft die einzelnen Schritte plant und dafür sorgt, dass die Kampfbereitschaft der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht nachlässt. Und ja, selbstverständlich macht das auch ständige Mitgliederwerbung erforderlich. Es gilt doch schließlich darauf zu achten, dass der erreichte Mitgliederstand ausgebaut und nicht, z.B. durch Neueinstellungen und eine hohe Mitarbeiterfluktuation bei Amazon, unterlaufen wird und somit die Bewegung geschwächt wird. Jeder neuen Kollegin und jedem neuen Kollegen muss klarwerden, dass sie/er sich in eigenem Interesse einreihen muss, wenn sie/er der einseitigen Entgeltpolitik von Amazon ein Ende bereiten will.
Gute Leistung verdient auch gute Bezahlung. Einseitige Lohnpolitik durch die Arbeitgeberseite gehört auf den Müllhaufen der Arbeitnehmergeschichte. Ohne die tägliche gute Arbeit der Beschäftigten würden die Förderanlagen nichts transportieren und es gäbe nicht eine Artikelbewegung in den Regalfächern. Nur durch das Zusammenspiel von Arbeitsmitteln und Arbeit entsteht ein Mehrwert und damit ein Gewinn.

Es ist daher nur recht und billig, dass die Beschäftigten über gesicherte Tarifverträge daran teilhaben wollen.

Deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen: lasst euch nicht beirren! Euer Ziel ist richtig, auch wenn der Weg noch steinig ist. Hätten nicht Generationen vor uns ähnliche Ausdauer und eben solchen Mut wie Ihr bewiesen, würden wir alle heute noch unter steinzeitlichen Bedingungen arbeiten müssen.

Uns wird nichts geschenkt. Wir müssen uns das Gute selbst holen. Nur gemeinsam sind wir stark.

Glück auf!
Tim Schmidtver.di-Gewerkschaftssekretär

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(C) 2014 ver.di - Fachbereich Handelzuletzt aktualisiert: 29.11.2018